Mysore Style - aber ich kann die Reihenfolge doch nicht!

"ich kann die Reihenfolge der Positionen nicht, daher kann ich nicht an Mysore Stunden teilnehmen"

Das ist der häufigste Satz, den ich höre, wenn mir Yogis ihre Gründe nennen, nicht in Mysore Stunden zu üben.

Nun möchte ich damit endlich mal aufräumen! Denn das ist ein Vorurteil, unter dem die Mysore Stunden leiden.

Ein kleines Gedankenexperiment dazu:

Stell Dir vor, Du willst eine Fremdsprache lernen. Was machst Du?

Meldest Du Dich in einem Kurs an, oder lernst Du die Sprache erst klammheimlich zu Hause, und meldest Dich dann mit dem gewonnenen Vorwissen zum Kurs an?

 

Normalerweise meldet man sich ohne Vorwissen an, in Erwartung es im Kurs zu lernen. Oder?

 

Was uns an diesem Beispiel direkt einleuchtet, ist für Yogis im Mysore Style Unterricht aber irgendwie komplett anders. :-)

 

Du musst nicht vorweg etwas lernen, um es dann beigebracht zu bekommen!

Das ist genau verkehrt herum, verstehst Du?
 

Um was geht es im Ashtanga Yoga?

 

Genauso wie Du im Sprachunterricht mit der Zeit erst Wörter, Grammatik und Aussprache lernst, ist es auch im Ashtanga Yoga. Man kann nicht gleich einen ganzen Satz flüssig fehlerfrei aufsagen. Aber man kann schon einige Fetzen.

 

Du wirst nicht in der ersten Mysore Stunde die gesamte 1.Serie üben (sei denn Du hast eine sehr gute körperliche Verfassung und ein hervorragendes Gedächtnis). Vielmehr lernst Du mit der Zeit neue Positionen. Du arbeitest daran, flüssig hinein und hinaus zu gehen, also die Bewegung mit der Atmung immer weiter zu synchronisieren. Das nennen wir Vinyasa.

Dabei entwickelt man ein immer feineres Gespür für die Bandhas. Man beobachtet, wie Mula Bandha durch aktives und bewusstes setzen der Füße wie durch Magie von alleine "greift". Wie Uddiyana Bandha bei jeder Bewegung, automatisch „anspringt“, und wie in den Positionen selbst jeder Atemzug dabei hilft, tiefer in eine Position hineinzukommen.

Du wirst beobachten, wie Du Deinen Geist ohne Ablenkung länger fokussiert halten kannst. Das nennen wir Drishti, was zwar üblicherweise mit „Blickpunkt“ (wörtl. "Schau") übersetzt wird, für mich aber nicht nur eine Fokussierung der Augen ist, sondern vielmehr die Ausrichtung meines gesamten Geistes auf einen bestimmten Aspekt. Dies setze ich hier also mit Dharana ("Konzentration") gleich, dem sechsten Glied des achtgliedrigen Pfades.


Um diese drei Bestandteile geht es im Ashtanga Yoga. Vinyasa, Bandha, Drishti.

Und all das kann man bereits in den Sonnengrüßen erfahren!

 

Wann kann man an Mysore Stunden teilnehmen?

 

Ich halte es für sinnvoll in Mysore Stunden zu gehen, wenn man bereits die Sonnengrüße kann, also Sonnengruß A und B. Wer Yoga Basis Erfahrung hat ist hier also richtig! Du solltest wissen, wie Du in Ujjayi atmest, und was Mula und Uddiyana Bandha sind, zumindest in der Theorie. Praktisch wird das dann in den Stunden geübt.

 

In den Shalas, die ich bisher zum Üben bereist habe, sind blutige Anfänger immer direkt mit in den laufenden Mysore Unterricht integriert worden. Das funktioniert auch sehr gut, wenn es genügend Lehrer gibt. Denn Anfänger benötigen mehr Aufmerksamkeit vom Lehrer, der mitunter mehrere Minuten beim Schüler steht, etwas erklärt oder zeigt, oder bei Bewegungsabfolgen zuschaut. Logisch, dass er in dieser Zeit nicht für andere Übende einsatzbereit ist.

 

Unterrichtet nur ein Lehrer, bieten diese meistens Anfängerkurse an, wo die Basics vermittelt werden. Danach hat man genug Grundkenntnisse um bei den Mysore Stunden mitzuüben. Alles weitere lernt man dann in den Stunden.

 

Wenn Du Anfänger bist, schau also immer nach, ob Du ohne Kenntnisse an den Mysore Stunden teilnehmen kannst, oder ob ein spezieller Anfänger Kurs ausgeschrieben ist. Im Zweifel schreib der Schule und frage nach!

 

Warum sind Mysore Stunden so lang?

Im Stundenplan sieht man für Mysore Stunden oft eine Zeitspanne von mehreren Stunden. Ab 1,5 Stunden bis zu mehreren Stunden kann das sein.

 

Es ist als ein Zeitrahmen zu sehen, während dessen ein oder mehrere Lehrer anwesend sind und Deine Praxis unterstützen.

 

Die bisher längste Zeitspanne ist mir in Lissabon begegnet (s. Bild): Casa Vinyasa öffnet täglich von ca. 7 – 15 Uhr und 17 – 21 Uhr! Wow! Da findet wirklich jeder die passende Zeit zu seinem Tagesrhythmus!

 

Das ist aber die Ausnahme!

 

Meist findet man in Ashtanga Yogaschulen je 2-3 Stunden Mysore morgens und abends. Fast immer kann man hier zu flexiblen Zeiten üben, d.h. es gibt keine feste, gemeinsame Startzeit. Du kommst, wie es Dir gerade passt.

 

Einige Shalas reihen die Mysore Style Stunden auch im 2-Stundentakt aneinander, d.h. man kann nur alle 2 Stunden anfangen.

 

Bei sehr großen Shalas (oder Veranstaltung) mit sehr vielen Übenden kann es auch einen Zeitplan geben, wo man seinen Namen zuvor in einer Liste mit den Startzeiten suchen muss. Solche Listen hängen aus (s. Bild) oder werden per Mail versendet. Der Unterricht beginnt dann in der Regel relativ früh.

 

Man sollte übrigens nicht erwarten, dass man zu der ausgeschriebenen Zeit auch wirklich anfangen kann. Meist wartet man sitzend vor der Shala, bis der Lehrer kommt und die nächsten Mattenplätze vergibt. Beim Warten tauscht man nützliche Infos über die Praxis, das beste local food, oder eine gute Massage mit anderen Yogis aus. Oft kann man sogar den übenden Yogis zuschauen. Eine wertvolle Zeit!

Vom Zuschauen hab ich sehr viel gelernt.

 

Wie läuft eine Mysore Style Stunde ab?

Hier der traditionelle Ablauf einer Mysore Style Stunde:

 

1. Anfangsmantra

2. Sonnengrüße (5x A und 5x B)

3. Fundamentals

4. Die Serie, die man gerade übt

5. Rückbeuge (Urdhva Dhanurasana) & Finishing

6. Abschlussmantra & Endentspannung

 

Hat man wenig Zeit oder sucht nach sanfter Bewegung, so lässt man Punkt 3 und 4 weg, geht also nach den Sonnengrüßen direkt ins Finishing. Bei ausreichend Zeit und guter körperlicher Verfassung verlängert sich Punkt 4, die Serie. Eine vollwertige Ashtanga Praxis kann somit zwischen einen Zeitraum von 20 Minuten bis zu 2,5 Stunden umfassen.

 

Über den Ablauf einer AYI (Ashtanga YOga Innovation) Stunde schreibe ich momentan einen neuen Blog Artikel. Denn hier gibt es ein paar Specials!

 

Wie lange soll ich üben?

Eine Faustregel, mit der ich über die Jahre gut gefahren bin und hier als Empfehlung aussprechen möchte:

Übe nur 80% von dem, was Du könntest!

 

Wenn Du immer bis an die 100% Grenze übst, oder darüber hinaus, kannst Du Körper & Geist damit sogar schwächen und sollte daher vermieden werden.

 

Wie lange Du nun übst hängt von der Tagesform, dem Gesundheits- als auch Trainingszustand des Körpers ab. Ein Hobby Kletterer bringt zum Beispiel mehr Kraft und Kondition mit als eine Person, die noch nie viel Sport gemacht hat. Dementsprechend sind die Übungszeiten für Sportliche etwas länger als für Ungeübte.

 

Ebenso sind die Lernfortschritte individuell. Was einige in Monaten lernen, können andere erst in Jahren oder auch schon nach einigen Tagen lernen. (Übrigens: Es gibt keinen Druck etwas lernen zu müssen. Den macht man sich nur selbst!)

 

Du kannst also so weit üben, wie Du entweder zeitlich zur Verfügung hast, oder die Serie kannst, oder Dein Lehrer Dir an diesem Tag zutraut.

 

Dein Lehrer sieht übrigens, ob Du gerade faul bist oder tatsächlich keine Kraft mehr hast. (Sollte er es nicht sehen, musst Du unbedingt selbst STOP sagen!!! Lerne das zu tun! Insbesondere wenn Du bei fremden Lehrern bist, die Deine Praxis nicht kennen.)

 

Um nun auch einmal konkret Zeitangaben zu sagen:

Ein (unsportlicher) Anfänger ist mit 45 +/- 15 Minuten in der Regel gut herausgefordert.

Sportliche Anfänger und  Yoga Erfahrene haben oft länger als eine Stunde Kraft.

Mit der Zeit baut sich diese Zeitspanne aus.

 

2 Stunden und mehr sollte man nur üben, wenn man regelmäßig Yoga übt und der Körper sich an das Pensum gewöhnt hat. Das merkst Du daran, dass Dir die Praxis leicht fällt.

 

Es bringt Deinem Körper, Deinem Geist und der (Alltags-)Struktur mehr, jeden Tag nur 10 Minuten Sonnengrüße zu üben, anstatt sich 1x die Woche für 2 h zu verausgaben.

 

Merke Dir:

Erst öfter kurz üben, bevor die Übungsdauer nach oben geschraubt wird!

 

 

Ich hoffe dieser kleine Beitrag macht Dir Mut, um einmal in Mysore Style Stunden zu gehen.

Im Mysore Stil zu üben ist für mich MAGISCH! Vielleicht trifft es auch auf Dich zu?

Das findest Du erst heraus, wenn Du es versuchst.

 

Was gefällt Dir an Mysore Stunden? Oder womit hast Du Probleme?

Ich freue mich über Dein Feedback.

 

 

Namasté

 

Eure Jeannine

 

 

Bildnachweis: Dr. Ronald Steiner auf www.ashtangayoga.info

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Anke Stoschka (Donnerstag, 27 Juni 2019 21:42)

    Was gefällt mir an Mysore:

    - das Üben in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten und doch jeder in seinem eigenen Atem
    -die Aufmerksamkeit und individuelle Zuwendung der Lehrerin mit Hilfestellung und Tipps für die Praxis
    -ich fühle mich gefördert und gefordert durch die Gruppe

    Was gefällt mir nicht so an Mysore:

    - in der Gruppe kommt es auch mal vor, dass ich mich leichter ablenken lasse, hingegen bei einer geführten Stunde ist der Fokus einfach auf die Lehrerin gerichtet


  • #2

    Susanne Schmitz (Donnerstag, 27 Juni 2019 22:38)

    Das Besondere an Mysore ist am Besten zu spüren, wenn man in eine Stunde mit variabler Anfangszeit kommt und bereits einige Teilnehmer praktizieren. Die Energie ist spürbar, die Ruhe und Konzentration überträgt sich sofort. Getragen von einer Welle aus Atem kann ich an guten Tagen meine Matte ausrollen und für 2 Stunden das ganze Universum nur auf dieses kleine Rechteck reduzieren. Ich muss mich nicht nach einem "Vorturner" richten oder überlegen, wir lange ich eine Asana halten soll. Alles ist klar, jeder Atemzug mit einer Haltung oder Bewegung synchronisiert. Die Hilfestellung, die ich erhalte ist sehr individuell, der Lehrer/ die Lehrerin kennt meine Stärken und Schwächen manchmal besser als ich selber.

    An schlechten Tagen führt die vorgegebene Reihenfolge dazu, dass ich gedanklich schon 2 Asanas weiter bin. Bei einer Korrektur durch den Lehrer kann ich mich nicht in der Masse verstecken, muss ich mich zwingen wieder gedanklich zurückzugehen. Pfuschen wird so schwierig. Dies passiert besonders bei Asanas, die ich gerade nicht so mag.

    Die Mysorepraxis stärkt auf jeden Fall die Eigenverantwortung für meine Praxis. Da meine NachbarIn/ mein Nachbar auf einem ganz anderen Stand sein kann, bietet Sie/Er mir keine Hilfe wie eine Asana ausgeführt werden soll, dass muss ich mir für meinen Körper schon selbst erarbeiten.

    Insgesamt ist Mysore für mich immer anstrengend, in jeder Hinsicht (physisch und psychisch) aber sehr bereichernd.

  • #3

    Martin (Freitag, 28 Juni 2019 19:24)

    Das finde ich bei Mysore gut...

    - eigener Atem; eigenes Tempo

    - die Entscheidungsfreiheit in einer Position auch einmal länger zu bleiben

    - mit der Konzentration bleibe ich mehr bei mir

    - wenn die Abfolge der Asanas memoriert ist, läuft es wie von selbst, und ich frage mich nach der Praxis: "Waren das jetzt wirklich zwei Stunden?"

    - der/die Lehrende hat für mich in einer bestimmten Asana Zeit und muss nicht der ganzen Gruppe die Positionen ansagen

    - man kann auch zu Hause leichter üben, da man die Abfolge kennt


    Folgendes habe ich durch Mysore erfahren:

    - anfangs konnte ich bei einer geführten Stunde mehr abschalten, da ich mich nicht um die Abfolge der Asanas kümmern mußte, aber das legt sich; siehe oben

    - das Memorieren ist etwas Arbeit, das lässt sich aber auch "trocken" bewerkstelligen, wenn man zum Beispiel auf den Bus wartet

    - das Atmen der ganzen Gruppe war für mich anfangs ungwohnt, wurde aber bald zu einem angenehmen Meeresrauschen, ohne das sich die Praxis heute leer anfühlt

  • #4

    S. (Montag, 01 Juli 2019 10:51)

    Das find ich gut....
    - Wenn man mal den Einstieg geschafft hat: Eigenverantwortlichkeit des Übens
    - Üben in eigener Geschwindigkeit und auf eigenem Niveau; man kann sich auf sich selbst fokussieren und benötigt keine Ansagen, was Sicherheit bei der Heimpraxis verleiht – um dorthin zu gelangen, benötigt man jedoch Durchhaltevermögen und Disziplin
    - Individuell gegebene Hilfestellungen - meist genau dann, wenn man sie tatsächlich benötigt
    - Stärkt die Muskeln und den Geist!

    Das find ich herausfordernd....
    - Einstieg nicht leicht, da man zunächst annimmt, dass man all das, was die „Cracks“ in den YouTube-Videos vorführen, auch können muss – was zumindest bei mir vollkommen utopisch ist! Es dauert, bis man sich traut und dann bemerkt, dass Ashtanga etwas für alle Levels ist!
    - Für die Ujjayi-Atmung und die Bandas benötigt man einige Anläufe, bevor man es irgendwie hinbekommt (klappte bei mir nicht auf Anhieb) und kann den Übenden unter Druck setzen
    - Die erste Serie ist sehr vorbeugenlastig (und Vorbeugen sind tatsächlich nicht meine bevorzugten Übungen :))
    - Keine geführte Endentspannung, da ja jeder individuell mit seinen Übungen fertig wird – aber solche Endentspannungen sind oft das, worauf sich die meisten Teilnehmer einer „normalen“ geführten Yoga-Stunde freuen.

  • #5

    Jeannine (Montag, 01 Juli 2019 17:30)

    Liebe Anke, Susanne, Martin und S.

    ich danke Dir sehr für die Zeit, die Du Dir genommen hast, um so tief in Dich zu gehen.
    Einfach wunderbar!

    Ich möchte noch einmal einen Punkt aufgreifen, den Ihr fast alle angesprochen habt:
    Die Eigenverantwortlichkeit/Entscheidungsfreiheit ist auch für mich der wesentliche Bestandteil, der auch mich immer wieder in Mysore Stunden gehen lässt.

    Ich kann aber muss nicht, und kann auch anders machen. In jedem Fall immer so, dass es mir gut damit geht. :-)

    Namasté
    Jeannine

  • #6

    asanaverse (Donnerstag, 15 Februar 2024 19:25)

    Hi Jeannine, ich hab letztens auch was über Ashtanga geschrieben (https://asanaverse.de/ashtanga-yoga/). was hälst du hiervon?